Ruhe im Sturm
1. Juni 2016


Drei Taschenbücher mit 2400 Seiten reicher, dafür sieben Franken ärmer, von der Enge nach Wiedikon spazierend. Das Stöbern und nicht wahrnehmen der Titel in den Regalen des Bücherbrockys im Kellergeschoss ist Zeichen genug: Müde, geschafft vom drohenden Gewitter und dem Tag: Neun Stunden Arbeit am Stück, unterbrochen von einer Viertelstunde am frühen Nachmittag, um über die Limmat und Bahnhofstrasse im Coop etwas durstlöschend Energetisches zu Trinken zu kaufen. Über die Hälfte der neun Stunden in drei intensiven Sitzungen verbracht. Der Kopf fühlt sich an wie mit Kopfweh, bloss ohne Schmerzen. Während des Feierabend einleitenden Stöberns war die Junisonne vor den fetten Gewitterwolken gewichen. Kaufe beim Bahnhof Wiedikon etwas zu trinken, möchte unter den Kastanien auf dem Brupbacherplatz mein Getränk geniessen und bloss einfach einen Moment nur sein.

Überquere die Zweierstrasse, mein Blick geht zu den vier rotbraunen Fingern der Hardau in der Ferne. Petrus hat einen hellgrauen Regenvorhang davor gezogen. Die ersten Tropfen fallen. An ehemaligen Wirkungsstätten vorbeispazierend, darauf hoffend, der Regen würde ausbleiben, doch bei der Querung der Kalkbreitestrasse fallen die ersten schweren Regentropfen, gepaart mit heftigen Windstössen. Habe keine Chance, noch trocken den Schutz der prächtigen Kastanien auf dem nahen Brupbacherplatz zu erreichen. An dessen Ende – und aus meiner Richtung kommend am Anfang – steht das renovierte Gebäude einer Immobilienfirma, Restaurant im Erdgeschoss und mit einem langen Vordach. Möglicherweise war hier früher eine Tankstelle. Heute ist dieser Vorplatz ein gedeckter Parkplatz, der an den Hauseingang und die Ausfahrt einer Tiefgarage grenzt und an dessen Spitze sich die West- und Sihlfeldstrasse kreuzen, die den oberen Teil des Brupbacher Platzes abschliessen. Der Platz ist eine Acht mit zwei verschieden grossen Hälften: die grössere Hälfte ist der Ärztin und Sexualforscherin Paulette gewidmet, grenzt an einen Kindergarten und ist mit den prächtigen Kastanien und einem Kinderspielplatz darunter versehen, die nüchterne kleinere Hälfte mit jungen Bäumen und Bänken ist ihrem Mann Fritz, Arzt, Seuxalforscher und Sozialdemokrat, gewidmet. Dieser Teil entstand nach der Verkehrsberuhigung vor zehn Jahren und grenzt an einen Abschleppdienst, ein Reinigungsunternehmen, einen türkischen Coiffeur und ein indisches Restaurant.

Schlagartig prasselt der Regen nieder – nun ist klar, weshalb man von Platzregen spricht – die Luft riecht nach warmem Asphalt, der vom kühlen Nass benetzt wird, obwohl die Strasse bereits pitschnass ist. Erreiche das schützende Vordach. Neben dem Hauseingang steht einladend ein weisser Plastikstuhl. Setze mich in den Stuhl und atme durch, zum ersten Mal seit dem Morgenkaffee vor zehn Stunden. Der warme, würzige Duft des einsetzenden Regens macht der kühlen, regennass gereinigten Abendluft Platz. Die letzten Fussgänger und vom Wind zerzausten Velofahrer eilen durch die vom Himmel fallende Wasserwand. Es rauscht vom Wind und noch viel mehr vom Regen. Beinahe Kniehoch springen die Tropfen wieder vom Asphalt auf. Über die Strasse läuft ein Sturzbach darüber liegt eine weisse Wasserdecke. Die vorbeifahrenden Autofahrer kämpfen gegen das Aquaplaning. Öffne mein Getränk und stosse dankbar mit Petrus an, derweil eine Vespa vorbeifährt, ihr Kielwasser und Wellenschlag einem Raddampfer auf dem See ebenbürtig. Die nächste Viertelstunde oder zwanzig Minuten gehören einfach nur mir, meinem Getränk dem Regen und einem der drei Bücher und der Aussicht über die Strassenkreuzung und den blauen Volvo-SUV mit der Aufschrift Scuba Viva hin zu den im Wind und Regen wogenden Kastanien.





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