Fussballerinnerungen
2. Juli 2014


Vorfrühling 2004, irgendwann an einem sonnigen Nachmittag, da Mutter arbeitet, ist Onyx, der einjährige Labrador der Eltern, unser Agenturhund. Vater schliesst ein Gut zum Druck ab oder arbeitet an einer Ortsgeschichte, sodass ich nach einem Fussballmatch mit einer leeren Orangina-Flasche mit Onyx der Limmat entlang spaziere. Vom denkmalgeschützten historischen Hardturm aus der spätmittelalterlichen Letzi am gleichnamigen Fussballstadion der Moderne vorbei zum Hönggerwehr und wieder zurück. Irgendwo auf der Höhe der Sportplätze Hardhof, näher bei der Europabrücke als beim Hardeggsteg, kommen Onyx und mir drei Mountainbiker entgegen. Zu meiner Linken erkenne ich Stefan Lichtsteiner, rechts von ihm fährt Fernando Gamboa, davor ein Betreuer aus dem Trainerstab des aktuellen Schweizermeisters, der mit den beiden verletzten Verteidigern vom GC eine Trainingsfahrt entlang der Limmat absolviert hat.

Ich ziehe Onyx an der Leine zu mir und führe ihn kurz, damit die Velofahrer kreuzen können. Der Betreuer passiert uns freundlich grüssend, dann riecht Onyx einen besonders würzigen Brunz und springt ruckartig zum linken Wegrand hinüber. 25 Kilo beschleunigte schwarze Hundemasse schneidet den beiden Velofahrern den Weg ab. Fernando Gamboa, ein Kasten von Mann, der keinen Zweikampf im Strafraum scheut und deswegen mit einem Knochenbruch für fast die ganze Rückrunde ausfallen sollte, weicht mir zur Rechten aus. Er hatte bereits gebremst, als er Onyx erblickt hatte und wäre wohl am liebsten in Richtung Werdinsel umgekehrt, denn als er an mir vorbeifährt, steht ihm die Angst vor dem Hund ins Gesicht geschrieben. Da er kaum noch fährt, befürchte ich, dass er mitsamt seinem Velo und Gips in die Limmat kippt. Kaum ist er an mir vorbeigefahren, tritt Gamboa kräftig in die Pedale, um aus der Gefahrenzone zu kommen. Stefan Lichtsteiner, dessen Vorderrad Onyx’ Nase nur um Haaresbreite verfehlt, bremst brüsk ab, wackelt dabei bedenklich und weicht uns irgendwie balancierend aus. Ich verpasse Onyx einen Zwick mit der Leine und ihn frage, ob er die Velos nicht gesehen hätte. Und während der Labrador verlegen wedelt, lächelt Stefan Lichtsteiner und sagt begeistert: «So ein schöner Hund», während er Onyx über den Kopf streichelt.

Seit ich Onyx nicht mehr täglich sehe, pflegt er auch andere Erinnerungen. Noch immer spielen wir miteinander Fussball, auch wenn aus der Oranginaflasche ein Teddybär geworden ist. Weise ich ihn darauf hin, dass er am Abend seine Pfoten drücken müsse, weil die Schweizer Nati mit Stefan Lichtsteiner spielen würde, schaut er mich an, als ob ich ihm von Karl dem Grossen oder Winnetou erzählt hätte. Und wenn ich ihn frage, ob er sich nicht mehr an unseren Spaziergang erinnern könne, fordert er mich stumm auf, weiter zu spielen. Oder wie in letzter Zeit eher, seinen greisen Hundebauch zu streicheln.

Seit Tagen nun ist die Fussball Weltmeisterschaft in Brasilien im Gang. Auch wenn man die Schweizer Berichterstattung, die schnell zur Selbstüberschätzung neigt, ausblendet, ist der Tenor der europäischen Medien eindeutig: Stefan Lichtsteiner und Ricardo Rodriguez gelten als eines der besten Innenverteidigerduos der Turniers. Lichtsteiner ist vom GC in die italienische Serie A gekommen. Rodriguez vom FC Zürich in die Bundesliga. Soll noch jemand stänkern, Zürich wäre keine Fussballstadt…

Wenn es läuft, dann läuft es. Und wenn es nicht läuft, dann läuft es eben nicht. Oder biblisch gesprochen, wer hat, dem wird gegeben. Und wer nicht hat, dem wird auch dies noch genommen. Das Frankreichspiel während der Gruppenphase der WM fällt in die zweite Kategorie. Obwohl die Schweiz auf dem 6. Rang der FIFA-Rangliste steht, erledigt uns die équipe tricolore wie weiland die französischen Revolutionstruppen anno 1799, nämlich ohne mit den Wimpern zu zucken, mit 2:5 Toren. Die Abwehrfehler der Schweizer Nationalmannschaft sind für eine Weltmeisterschaft eigentlich unvorstellbar naiv, um nicht zu schreiben stümperhaft. Selbst der SV Höngg in der Zürcher Regional-Liga verteidigt besser als die Eidgenossen. Glücklicherweise war der amtierende Weltmeister Spanien vor wenigen Tagen von Holland 5:1 vorgeführt worden und steht resultatmässig noch schlechter da als wir Eidgenossen . Zur Erinnerung: Spanien wurde 2010 nur Weltmeister, weil es gegen die Schweiz sein Auftaktspiel 0:1 verloren hat. Wenigstens punkto Gegentore stimmt das helvetisch-iberische Kräfteverhältnis noch. Und während die Spanier als Weltmeister bereits in der Gruppenphase ausgeschiden sind, hat sich die Schweiz mit Ach und Krach für das Achtelfinale qualifiziert.

Dieses geht gegen Argentinien. Die brasilianischen Zuschauer sind für die Schweiz, da sie Argentinien nicht mögen. Die Deutschen drücken der Schweiz die Daumen, da der ehemalige GC-Trainer Ottmar Hitzfeld, der in der Bundesliga der erfolgreichsten Clubtrainer ist, die Schweizer Nationalelf trainiert. Dies obwohl die Deutschen die Schweizer nicht ernst nehmen, auch wenn Hitzfelds Trainerkarriere in der Schweiz begonnen hatte.

Ottmar Hitzfelds Begründung, weshalb er 2008 nach seinem Abgang bei Bayern München anstatt in Rente zu gehen Trainer der Schweizer Nati geworden ist: Dankbarkeit. «Ich möchte der Schweiz etwas zurückgeben», so seine Worte.

Aufgewachsen war Ottmar Hitzfeld in Lörrach, wenige Meter von der Schweizer Grenze entfernt. Obwohl erst 1949 geboren, hat er seine Familiengeschichte nie vergessen. Während des 2. Weltkrieges hatte seine Familie unter der stetigen Nahrungsmittelknappheit durch die Rationierung gelitten. Es waren Basler Kinder gewesen, welche den Überschuss der in der Schweiz ebenfalls rationierten Lebensmittel durch die Hecken entlang der Reichs- und Kriegsgrenze geschmuggelt hatte. Es war Ottmars dreizehn Jahre älterer Bruder gewesen, den von den Schweizer Kindern die Lebensmittel in Empfang genommen hatte. Oder selber unter Lebensgefahr mit seinen Kameraden durch die Hecke über die Gernze in die Schweiz geschlüpft war und mit etwas zum Essen zurückgekehrt war.

Am Abend vor dem Achtelfinale erreicht das Schweizer Lager die Nachricht, dass Ottmar Hitzfelds Bruder verstorben ist.

Ottmar Hitzfeld tritt auf Ende der Fussballweltmeisterschaft zurück. Die internationalen Medien haben die Würdigungen einer grossartigen Karriere bereits vorbereitet, nun halten sie ob sich einer anbahnenden griechischen Tragödie den Atem an. Treten die Schweizer überhaupt an? Werden sie für ihren trauernden Trainer spielen und werfen den zweimaligen Weltmeister aus dem Turnier, nur um dann vermutlich auf Deutschland zu treffen, das sich mit Müh und Not gegen Algerien durchsetzen konnte? Der Respekt vor Ottmar Hitzfeld erbietet den Medien pietätvolle Zurückhaltung.

Die reguläre Spielzeit nach 90 Minuten gibt keine Antwort, beim Stande von 0:0 kommt es zur Verlängerung. In der 118. Minute, als sich alle schon auf das Penatlyschiessen einstellen und diese Lotterie dennoch mit letzter Kraft verhindern möchten, spielt Stefan Lichtsteiner einen Pass. Der am Turnier bisher farblose, mehrmalige Weltfussballer des Jahres, Lionel Messi, erobert den Ball und dribbelt sich durch die helvetischen Abwehrreihen. Messi passt zu Angel di Maria. Dieser schiebt den Ball an Diego Benaglio vorbei ins leere Tor.

Stefan Lichtsteiner, der nach seinem Fehlpass zurückeilt, erreicht den Ball erst hinter der Torlinie.

Die Fernsehauftotale zeigt, wie Stefan Lichtsteiner Netz des Schweizer Tores hängt. Sein Blick wird leerer und leer. Im Rhythmus seines pochenden Herzens hebt sich sein Brustkorb.

Es ist noch nicht zu Ende. Noch eine Minute plus Nachspielzeit. Grosse Mannschaften gehen mit wehenden Fahnen unter. Die Eidgenossen geben sich nicht geschlagen. Wie ihre Ahnen vor einem halben Jahrtausend in Marignano geben sie sich erst nach dem Schlusspfiff auf. Es ist keine Minute mehr zu spielen. Freistoss für die Schweiz. Es ist keine Minute mehr zu spielen. Die Kamera schwenkt über die argentinische Bank. Einen jämmerlicheren Haufen als die argentischinschen Ersatzspieler hat noch kaum eine Kamera eingefangen. Vor Angst verzerrte Blicke, männiglich mag nicht mehr hinschauen, manch einer bekreuzigt sich heftig.

Der Ball fliegt an den Pfosten…

…und prallt an Dzemailis Knie und fliegt um Haaresbreite am Pfosten vorbei. Als der Schiedsrichter abpfeift, wirken die siegriechen Argentinier erschöpfter als die enttäuschten Schweizer.

Die internationalen Medien sind sich einig, die Schweiz hat trotz Niederlage gewonnen. Nach dem Spiel würdigen die deutschen Medien Ottmar Hitzeflds Karriere. Sie wären nur ins Schwitzen gekommen, wenn dies nicht sein letztes Spiel gewesen wäre.

Noch auf dem Spielfeld huldigen die Spieler ihren Trainer. Mit Tränen in den Augen lässt sich Ottmar Hitzfeld interviewen: «Die Fans können stolz sein.»



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Stefan Lichtsteiner hängt nach seinem entscheidenden Ballverlust im Schweizer Tor.
– Bild: srf.ch




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