Justierung des Koordinatensystems
22. März 2014


Res Strehles Leitartikel im «Tages-Anzeiger» drückt das aus, was man als besonnerer Mensch in den warmen, bisweilen fast heissen Vorfrühlingstagen des noch jungen Jahres eigentlich für selbstverständlich hält, dass «wer den Kalten Krieg in Europa erlebt hat, sich nach dieser Ära nicht zurücksehnen wird. (…) Es war keine unbeschwerte Zeit, wenig kulturelle Öffnung, kein weiter Horizont.» Und doch erscheint Russlands Anektion der Krim die Nadel im Heuhaufen gewesen zu sein, die gesucht wurde, um nach dem Finanzmarktkollaps vor fünf Jahren und der anschliessenden Eurokrise wieder Stabilität ins gedankliche Koordinatensystem zu bringen. Die Reihen schliessen sich, oder wie Strehle schreibt: «Seither dreht sich das Karussell von Sanktion und Gegensanktion – der Kalte Krieg ist an Europas Ostgrenze zurück.»

Zeiten des Anything goes sind die besseren Zeiten: Aufbruchstimmung, multikultureller Austausch und die gefühlte Freiheit, dass einem die Welt offen stehe. Die Digitalisierung, das Web 2.0 und die Social Media ermöglichen es, mit jedem Menschen zu jedem Zeitpunkt an jedem Ort der Welt zu kommunizieren, Freundschaft zu schliessen oder Handel zu treiben. Zumindest in der virtuellen Welt ist das globale Dorf Wirklichkeit.

Mit Russlands Anektion der Krim ist das Alles-ist-möglich an den Gartenzaun des Bis-hierher-und-nicht-weiter geknallt. Dieser Tage ist der Kampf um die Orientierung und Meinungsherrschaft entbrannt. Noch wird Stellung bezogen, noch ist nichts in Stein gemeisselt, doch es ist zu befüchten, dass nach der Niederreissung sämtlicher virtueller Mauern für die nächsten Jahre nun der Vorhang des engen Horizontes gezogen wird.

nicht wissen, aber fühlen
Auch in der Schweiz: Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs schien 1990 alles möglich zu sein. Die europäische Einigung schritt voran und führte zum EU-Binnenmarkt, dem Schengenraum und dem Euro. Die Regulationen für den Finanzmarkt fielen und der Casinokapitalismus, der zum fatalen Herbst 2008 führte, konnte entstehen. Den Schweizern, die gerne die Beständigkeit der sie umgebenen Berge haben, ging alles zu schnell. So lehnte man 1992 den EWR-Vertrag ab, um ihn zehn Jahre später mit den bilateralen Verträgen mit der EU abgeschwächt, optimiert und gestaffelt doch noch irgendwie zu haben.

Mit der Personenfreizügigkeit kam aber nicht nur Prosperität ins Land, dieses wurde stärker denn je zersiedelt, selbst in mittelständischen Schweizer Unternehmen hatte man im Alltag mit Ausländern zu tun. Und so begann sich männiglich zu fragen, ob es denn früher nicht doch besser war, als die Italiener auf dem Bau arbeiteten, die Tamilen die fleissigen Köche und die Jugoslawen das Reinigungspersonal waren? Mit der Abstimmung vom 9. Februar hat die Bevölkerung ausgedrückt, dass sie es nicht weiss, aber fühlt. Zumindest war es der Ausdruck, dass es einem im beschränkten Umfeld seines Gartens doch am wohlsten ist.

Ähnliches beobachtet man auf internationaler Ebene. Nach den 90er-Jahren, in denen alles möglich zu sein schien, war man froh, dass im Nachgang zum 11. September 2001 neue Grenzen abgesteckt werden konnten. Nach dem Untergang der Sowjetunion hatten die Amerikaner einen neuen Feind: die Islamisten. Und mit dem Irakkrieg gewann man in Europa neue Identität in dem man sich gegen George W. Bush aussprach. Das Unbehagen, das die digitale Revolution und die Folgen des Kollapses von Lehman Brothers im September 2008 ausgelöst haben, artikuliert sich dieser Tage in den Handlungen der neuerlichen Blockbildung und Grenzziehung. Fast ist man froh, dass der Feind nicht mehr eine diffuse Gruppe Brüsseler Beamter, arroganter und oft Kokain süchtiger Investmentbanker oder fanatisierter Moslems aus zumeist Wüstenländern ist, sondern wieder die Russen.

Wladimir Putin auf der anderen Seite, der den Untergang der Sowjetunion vor einem Vierteljahrhundert als geopolitische Katastrophe bezeichnet hat, scheint die Rolle des neuen Bösewichts dankbar zu übernehmen. Nicht nur Amerika, Europa und die Schweiz, auch Russland justiert im aktuellen Krim-Konflikt sein Koordinatensystem, um sich nach 1991 und 2008 in der realen Welt orientieren zu können.

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Die Illustration von Felix Schaad aus dem Tages-Anzeiger zum Leitartikel von Res Strehe, «der neue Kalte Krieg in den Köpfen». – Bild: tagesanzeiger.ch





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