Der Seeparkplatz ist gut gefüllt. Am See sind trotz des bedeckten Wetters mindestens eine gefühlte Hundertrschaft Leute unterwegs, die noch vor dem Mittagessen sich sportlich betätigen wollen, Familien, befreundete Ehepaare mit Hunden, Gehebehinderte. Die Liegewiese im Strandbad ist gut besetzt, obwohl niemand Badesachen trägt oder gar schiwmmt. Auf dem Spielplatz spielen Kinder. Als wir den Seehorn Wald erreichen, beginnt es zu tropfen. Die Regentropfen bilden weisse Ringe auf dem türkisgrauen Wasser. Ich frage Werner, der einem Kirchenliedtitel nachstudiert, zu dem ihn die Stimmung erinnert hat, ob er sich an unseren Spaziergang am St. Moritzersee erinnere, da waren die Verhältnisse ähnlich, einzig die Sonne, die über dem Piz Julier aus den Wolken hervorgebrochen war und die Landschaft mit ihren spitzen weissen Strahlen in hell und dunkel unterteilt hatte, fehlt, das Licht leuchtet hinter dem Wolfganpass.
Die Heerscharen von Spaziergängern eilen um den See, um noch trocken ins Hotel oder die Ferienwohnung zu kommen. Die in meiner Erinnerung hier hin gehörenden Eichhörnchen haben sich verzogen. Ich sehe erst eines, als Werner den Schirm aus seinem Rucksack kramt. Dafür jede Menge Tannenhäher, die gefüttert werden möchten. Die Farbe des Sees ein grünliches grau, dort, wo die Felsen bis fast an die Oberfläche reichen, ist es gar beige. Gar nicht so abweisend anthrazit, wie ich den Davosersee auch schon bei schlechtem Wetter erlebt habe. Wir sehen zwei Fischer in einem Ruderboot auf dem See.
Die ganze Zeit hören wir das Blöken eines Schafes, tatsächlich, nach der Querung des Drussetschabaches ist eine Schafherde auf der Wiese zwischen See und dem Wanderweg, die abgezäunte Weide geht von der Feuerstelle bis zum Aussichtssteg. Doch die Herde weidet still. Dennoch ist noch immer das Blöken. Als wir die Sitzbänke erreichen, eine davon wird von der Davoser Bibliothek als Lesebank benützt, sehen wir einen weissen Bock, der vor dem Eingang zur Weide steht und blökt. Kein Bauer kommt und er wartet auch nicht auf einen, sondern blökt über die Weide zur Herde zurück. Der Widder hat sicher fünf Minuten ununterbrochen geblökt. Nun trottet er genervt zur Herde zurück.
Ankunft und Mittagessen im Seebüel. Schmorbraten, Steinpilzrisotto, Broccoli. Werner lädt ein, ich übernehme den Wein, Herrschäftler. Kaum sind sitzen wir am Tisch, giesst es aus Kübeln. Dieser Regen wäre um vier vorausgesagt gewesen nach der Radarprognose. Zum Glück ist er auch früher fort. Nach der prognostizierten Stunde bricht die Sonne hervor, den Kaffee trinken Werner und ich draussen. Er gibt das Buch «Wunder inbegriffen», eine Biografie über Dr. med. Werner Wigger. Was er als Christ in der DDR erlebt hat, erfuhr Werner so und ähnlich auch als Schikane. Und weil er weiss, dass mich das interessiert, hat er das Buch gekauft.
Wir spazieren dem See entlang zurück, der Regen hat den Nebel aufgelöst, man sieht wenigstens bis zum Rinerhorn, die Gipfel sind frei, die Wolken liegen darüber. Die Luft ist klar, ebenso das Wasser im See. Wir kommen etwas früher als geplant beim Bahnhof Dorf an und verabschieden uns herzlich von einander.
