Regen fiel in der Nacht, die Sonne scheint zumindest bei Tagesanbruch wieder das Zepter von den Wolken zu übernehmen. Sonntagmorgen nach acht, es hat einige Schlafende im 13er. Fahrt im Intercity 3 dem See entlang, es ist eine traumhafte Stimmung mit Nebel und Wolken, die Sonne leuchtet stärker auf dem Wasser als vom Himmel. Im Sportbad Käpfnach wird emsig geschwommen, auf einem Floss schaukelt ein Möwenschwarm auf den Wellen. Bei Wädenswil sind vier Berufsfischer-Boote auf dem See, kurz danach kreuzt der Zug sechs Ruderboote (Zweier), die die Wellen durchstechen. In Pfäffikon geht der Blick über den See Richtung Zürcher Oberland, das Wolkenverhangen ist. Über den Ricken hängen die weissen Toggenburger Wolken wie über das Fensterbrett gehängte Bettwäsche. Manchmal bricht die Sonne daraus hervor und verteilt ihre goldenen Strahlen fächerförmig über die Linthebene. Langsam wird es grau und düster, als ob ich dem Regenwetter nachfahren würde. Doch es bleibt trocken. Sonntagsspaziergänger und Hündeler sind auf ihrem Morgengang über die Felder. Nach Bilten bricht die Sonne hervor, im Glarnerland drückt gallig der Föhn. Amden sonnt sich im Morgenlicht. Der Walensee ist türkis und gekrauste Wellen mit weissen Schaumkronen strukturieren ihn. Bei Mühelhorn rast ein Surfer über den See, er scheint über die Wellen zu fliegen. In der Luft bildet sich aus der Restfeuchtigkeit leichter Dunst, sodass sich die Churfirstengipfel silhouettenhaft dunkel gegen die silberne Morgensonne abheben. Das Walenseeschiff steuert auf Walenstadt zu. Der Zug fährt etwas langsamer, da die SBB den zweispurigen Bommersteintunnel seit letztem Herbst renoviert; die Arbeiten sollen bis Ende 2023 dauern. Nach Walenstadt verläuft das Bahntrassee dem Entsumpfungskanal entlang, neben einem im Wind wiegenden Schilfmeeer sind Krähenschwärme auf den Feldern vor Flums. Vor Sargans grüsst der Ragnatscher Fall. Die Wasserfälle entlang der Churfirsten, vor Saragans und in der Bündner Herrschaft gehören zu frühesten Erinnerungen der Ferien in Trin Mulin.
In Landquart stelle ich fest, dass es nun einen eigenen Regioexpress nach Schiers gibt, was den Reisenden ins Engadin und nach Davos etwas mehr Zeit beim Umsteigen verschafft. Steige in den Erstklass Wagen, der noch ganz neu riecht. Es ist fast ein Schweben über den Gleisen. Beim Bahnhof Malans grüssen über ein Dutzend Holzfiguren «Die Kunst zu Träumen». Der Blick die Bünder Herrschaft hoch zeigt Nebel ab Chur Richtung Lenzerheide und Surselva. In Fahrtrichtung wird hinter der Klus in Seewis das Wetter immer schöner. Kurzer Zwischenhalt in Schiers, bis der Gegenzug einfährt. Der Bahnhof neu und dreispurig ausgebaut, der Güterschuppen des Bahnhofgebäudes eine Brandruine, Anfang August brannte er nach vermutlicher Brandstiftung. Während der Wartezeit fällt mir auf, wie prächtig man den vorgelagerten felsigen Rücken des Sassaunas vom Banhnof aus sieht. Wie oft ging wohl schon mein Blick dahin hoch?
Die Weiterfahrt das Prättigau hoch im golden strahlenden Sonnenlicht. Gönne mir Kaffee und Gipfeli. Bei Saas grüsst eine Herde Lamas. In Klosters zeigt sich, dass sich das schöne Wetter gegen die Silvretta weiterzieht, über dem Wolfgangpass ist es bewölkt. Nun folgt mein Lieblingsteil der RhB-Strecke nach Davos, die Überquerung des Wolfgangpasses am Parsenn durch den Lärchenwald. Pilzler hat es keine unterwegs, auch die Rehe, die ich schon hier gesehen habe, sind wohl im Gottesdienst. Das Wetter in Davos bedeckt, aber trocken. Nebel hängt keiner, die Gipfel der Landschaft kratzen beinahe an den Wolken. Fernsicht gibt es keine, nach dem Jakobshorn ist eine graue Wand. Dem See entlang und über die Seewiese erfolgt die entspannte Einfahrt in den Bahnhof Davos Dorf, dem heutigen Reiseziel.
