Sonntag im Zwergenland
9. Februar 2014


Die Zwerge sind an die Abstimmungsurnen gerufen, um über drei Vorlagen zu befinden. Eine davon mobilisiert wie schon lange nicht mehr, die Initiative, welche die Zuwanderung beschränken möchte. Man freut sich eitel mit dem Sonnenschein, dass das Zwergenland erfolgreich ist. Es hat die Finanzkrise besser überstanden als seine Nachbarn.

Man nimmt aber auch zur Kenntnis, dass Erfolg attraktiv macht. Das wäre ja an sich nichts schlechtes. Schon gar nicht für einen Kleinstaat wie das Zwergenland. Doch durch seinen Erfolg wird das Zwergenland von Fremden überschwemmt. Nicht ein paar Hundert oder Tausende sind’s, die Jahr für Jahr ihren Wohnsitz im tapferen und schönen Zwergenland nehmen, um ihr Glück im gelobten Land zu versuchen. Sie kommen in Scharen; über das Jahr verteilt so viele wie in einer mittelgrossen Stadt des Zwergenlandes leben. So viele Glück und Erfolgsuchende Fremde sind einigen Zwergen zuviel, sie leiden unter Dichtestress.
«Die Zuzüger nehmen den Zwergen die Arbeit weg», sagt der Herr Doktor. Die öffentlichen Verkehrsmittel wären immer rappelvoll und die schöne Landschaft würde immer mehr zersiedelt, sagt der andere, der ewig grinsende Herr Doktor.

«Das ischt so!», stimmen populistischen Zwerge in den Chor mit ein.

Derweil der Herr Doktor sagt: «dass sich kein rechtschaffener Zwerg mit einem durchschnittlichen Einkommen die guten Wohnungen in den schönen Städten mehr leisten kann. Weshalb die Zwerge zurück aufs Land zügeln würden, wo die Lebenshaltungskosten noch erschwinglich wären. In die verlassene urbane Wohnung der Binnenmigranten aber ziehen immer Zugewanderte, so der Tenor der Zwergenländischen Volksbewegung.

«Das ischt so!», stimmen die patriotischen Zwerge in den Chor mit ein, derweil der immer grinsende Herr Doktor ergänzt: «Die Zuwanderung hat zur Folge hat, dass unsere pünktlichen und modernen, öffentlichen Verkehrsmittel immer überfüllt sind und unsere schöne Landschaft noch stärker zersiedelt wird.»

«Da ischt so!», stimmen die einen Zwerge in den Chor mit ein.

«Stimmt alles gar nicht», entgegnen die anderen Zwerge, also die Medien, die Linke, die Wirtschaft, die Gewerkschaften, Kulturschaffende und überhaupt alle, denen die heimelige Kleinräumigkeit des Zwergenlandes offenbar zu eng sein soll. Doch auch die Bauern sind offiziell gegen die Initiative des Herrn Doktor. Denn ohne Zuwanderung aus den Nachbarländern ist ihre nächste Ernte gefährdet. Denn die Zuwanderer arbeiten in Berufen, für die sich die Zwerge zu schade sind. Sie ernten Erdbeeren, Spargeln und Kartoffeln in der Landwirtschaft oder wischen den chronisch Kranken den Hintern und füttern drei Mal täglich die senil gewordenen Zwerge in ihren Altersheimen. Deshalb posaunen allenthalben Dritte: «Die Zugewanderten tragen zur Attraktivität des Zwergenlandes bei» in die heimelige Landschaft. Denn das Zwergenland nimmt nur noch gut qualifizierte Zuzüger auf, die den nationalen Erfolg, beispielsweise in der Forschung, sichern helfen. Denn es herrscht in gewissen Berufsfeldern Mangel an gut genug qualifizierten Zwergen. Denn so schnell, wie das Wissen in den neuen Technologien wächst, können sich die Zwerge gar nicht weiterbilden.

Wie auch immer, wer auch immer recht hat, die Umfragen gehen von einem knappen Resultat aus. Bis weit in den Sonntagnachmittag werden die Stimmen gezählt und dann steht das Ergebnis fest, es ist noch knapper als erwartet: 19 000 Stimmen Unterschied haben den Ausschlag gegeben. 50,3 zu 49,7 Prozent. Der Herr Doktor hat sich durchgesetzt. Nun muss die Regierung mit den Nachbarn innerhalb von drei Jahren die Zuwanderung neu verhandeln. Aber ohne bitteschön dabei den wirtschaftlichen Erfolg zu gefährden.

«Das ischt so!», freuen sich die Abstimmungsgewinner.

Doch die Reaktionen aus den Nachbarländern sind harscher als die Berge im Zwergenland hart sind. Manch Zwerg, der eigentlich nur ein Zeichen gegen die Classe politique setzen wollte, reibt sich verdattert die Beule auf seiner schmerzenden Stirn. Weshalb sind nun alle Nachbarländer sauer auf die hart und ehrlich arbeitenden Zwerge? Können die Linken, die Medien, die Wirtschaft und überhaupt, all die fremdländischen Riesen nicht kapieren, dass die Zwerge am liebsten in Ruhe gelassen werden wollen?





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alte Freunde – 10. Januar
beim Einkaufen – 31. Dezember 2013
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