Erinnerungen an Urs Widmer
3. April 2014


Lese die Meldung, dass Urs Widmer gestorben ist. Ein kurzer Moment der Trauer. Vor anderthalb Jahren hatte er an seiner Höngger Lesung aus der «Stillen Post» noch so lebendig gewirkt.

Am Lehrerseminar hatten wir den «Blauen Syphon» gelesen, ich war begeistert. Die Hottinger Schauplätze kannte ich bestens. Ein paar Jahre später, während meiner Zeit bei Ogilvy, kaufte ich jeweils mein Mittagessen in der Bäckerei Hürlimann, in der schon meine Mutter als Kind eingekauft hatte. Neben mir an der Theke waren meistens Schüler des nahen Gymnasiums Hottingen, manchmal aber auch Urs Widmer oder Verleger Egon Ammann. Damals sah ich Urs Widmer auch, wenn er von seiner Schreibklause an der Englischviertelstrasse kommend den Hottingerplatz überquerte. Meistens war er zur Apotheke an der Gemeindestrasse unterwegs, um dort einen Brief aufzugeben, da die Zentrale in Bern schon vor Jahren die Hottinger Quariterpost wegrationalisiert und der Apotheke als Postagentur einen Nebenjob verschafft hatte.

Vor sieben Jahren hat Urs Widmer an der Beisetzung von Manfred Züfle auf dem Friedhof Altstetten teilgenommen. Nach dem anschliessenden Leichenmahl im Orstmuseum Albisrieden stellte sich heraus, dass Urs Widmer hinter uns an der Triemlistrasse geparkt hatte, wo Vater und ich ein paar Worte mit ihm gewechselt haben. Ich glaube, von da an wollten wir ihn für das Forum Höngg engagieren. Seither habe ich Urs Widmer noch am Bellevue an der Höngger Lesung gesehen. Damals war ich erstaunt, dass Urs Widmer immer älter und sein Porträt, das auch in «Stille Post» verwendet worden ist, immer jünger wurde.

Meine Haupterinnerung an ihn wird seine Lesung in Höngg sein. Es war jener Oktobersonntag mit dem ersten Schnee in Zürich (zehn Zentimeter oder mehr). Zehn Minuten vor der Lesung um fünf Uhr haben sich nur wenige Leute in den Fasskeller von Zweifels Weinlaube verirrt. Ich stand mit Urs Widmer und Walti Reimann von der Buchhandlung Hirslanden zusammen. Urs Widmer sagte, dass er heute seine warmen Schuhe angezogen habe. Er besässe nur zwei paar Schuhe, die Sandalen im Sommer, aber wenn es schneie, dann würde er doch die geschlossenen tragen. Irgendwann davor, oder danach, sprach ihn Walti auf die wenigen Leute an.
«Da mache ich mir keine Sorgen!», entgegnete Urs Widmer bestimmt. «Ich habe nicht viele Regeln. Aber eine ist, dass es bei mir immer ausverkauft ist.» Wir schauen ihn verdutzt an. «Vielleicht in der Anfangsphase als Schriftsteller, da hat es Vorlesungen gegeben, die nicht ausverkauft waren. Aber ich kann mich nicht daran erinnern. Ich weiss auch nicht, woran das liegt. Aber wenn ich lese, ist der Saal voll. Das wird heute auch so sein.» Ich blickte auf meine Armanduhr und den fast leeren Fasskeller und dachte an den Schnee. Es kamen aber nun immerhin ein paar Leute. Um fünf Uhr ging Urs Widmer nochmals an die frische Luft. Als ich ihn fünf Minuten später zum Lesetisch führte, war der Fasskeller bis auf den letzten Platz besetzt.






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